Zusammenfassung

Die Versorgung nach Amputationen an Fuß und Sprunggelenk wird maßgeblich durch die Amputationshöhe bestimmt. Das beste funktionelle Ergebnis wird erreicht, wenn Amputation und spätere Versorgung gleichzeitig geplant werden. Durch die zu Grunde liegende Erkrankung ist dies aber häufig nicht möglich. Die verschiedenen Amputationshöhen bieten dabei spezielle Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Der nachfolgende Artikel stellt die technischen Optionen für die verschiedenen Amputationstechniken vor und liefert wertvolle Hinweise bei für die Verordnung und Durchführung der orthopädietechnischen Versorgung dieser Patienten.

Wichtige Amputationshöhen im Fuß (Zehenamputation, Teilamputation, Vorfußamputation, Rückfußamputation)
Abbildung 1

Technisch-orthopädische Versorgungen nach Fuß- oder Sprunggelenksamputationen sind sowohl orthopädietechnisch als auch orthopädieschuhtechnisch möglich. Funktionell unterscheidet man dabei folgende wesentliche Amputationshöhen:

  1. Zehenamputationen und Strahlresektionen
  2. Teilamputationen im Fußbereich
  3. Langer Mittelfußstumpf (transmetatarsal peripher)
  4. Kurzer Mittelfußstumpf (transmetatarsal proximal)
  5. Langer Fußwurzelstumpf (Amputation in der Lisfranc-Gelenklinie)
  6. Kurzer Fußwurzelstumpf (Bona-Jäger-Amputationslinie)
  7. Rückfußstumpf (Chopart-, Pirogoff-, Syme-Amputation)

Die unterschiedlichen Amputationshöhen haben einerseits Folgen für die funktionelle Leistungsfähigkeit des Stumpfes bzw. Beines, andererseits auch für die Standfläche. Je höher amputiert wird, umso geringer fällt die Standfläche des Fußes aus. Dies kann bei beidseits betroffenen Patienten erhebliche Standunsicherheiten bedingen. Die Wiederherstellung der fehlenden Unterstützungsfläche stellt daher eine wichtige Anforderung der Hilfsmittelversorgung dar. Sie wirkt sich auf das sicherere Stehen ebenso positiv aus, wie auf die Wiederherstellung der agierenden Kräfteverhältnisse während der Dynamik.
Je weiter proximal amputiert wird, umso schlechter ist die Abstoßkraft des Restfußes aufgrund des verkürzten Hebelarmes im Gangakt. Dies ist auch der Grund, warum insbesondere bei den Zehenamputationen der Erhalt des I. Strahles als Hauptabwicklungsstrahl von besonderer Bedeutung ist.
Der amputationsbedingte Erhalt einzelner Fußstrahlen stellt hohe Anforderungen an die prothetische Versorgung. Hier sollte der prothetische Ersatz in der Lage sein, das Abroll-Verhalten der noch vorhandenen Zehenstrahlen zu imitieren und dadurch eine dynamische Funktionseinheit zu bilden.
Ein Amputationsniveau im proximalen Mittelfuß sowie in der Fußwurzel, wie z.B. die Lisfranc-Amputation bieten in der Regel stabile Belastungssituationen und bieten eine stabile Basis für die wiederherstellende Wirkung prothetischer Versorgungen.
Im Rückfußstumpfbereich kommt zudem ein Extremitätenlängenverlust hinzu. Während der Chopart-Stumpf noch eine annähernd normale Beinlänge garantiert (durch die teilweise auftretende Spitzfußstellung im ungünstigen Fall sogar mit einer Beinverlängerung), zeigt der Pirogoff-Spitzy-Stumpf bereits eine Beinverkürzung von 3 – 4 cm, der Syme-Stumpf gar von 4 – 7 cm.

Bei Amputationen an Fuß- und Sprunggelenk ist für die spätere prothetische oder schuhtechnische Versorgung eine möglichst maximal hohe Endbelastbarkeit der Stumpfenden von entscheidender Bedeutung. Hierzu bedarf es:

  • Abrunden der Knochenkanten
  • Resektion der Nervenenden deutlich proximal des Amputationsniveaus bzw. der Belastungsfläche
  • Ggf. tendomyoplastischer Maßnahmen
  • Deckung des Stumpfendes mit möglichst belastbarer Haut, meist Sohlenhaut

Bei korrekter Durchführung der Amputation unter oben genannten Kautelen erreicht man am Fuß meist eine volle Endbelastbarkeit, insbesondere durch die besonderen Eigenschaften der Fußsohlenhaut.

Reduktion der Standfläche bei unterschiedlichen Amputationen am Fuß nach Baumgartner [1].
Abbildung 2

Je ausgedehnter die Amputation, desto kleiner die Standfläche und desto größer der Druck auf das verbliebene Gewebe. Normale Standfläche ca. 140 cm² (A), nach Resektion des 1. Strahls 120 cm² (B), nach Lisfranc Amputation 80 cm² (C) und nach Pirogoff oder Syme Amputation 28 cm² (D). Je kleiner der Stumpf desto instabiler der Stand. Instabil ist der Stand immer dann, wenn das Lot (roter Punkt) außerhalb des grau hinterlegten Feldes liegt.

Gerade im Rückfußbereich (ab Bona-Jäger-Amputationshöhe) tendiert der Stumpf zur Spitzfuß-Supinationsfehlstellung. Durch das amputationsbedingte gestörte Muskelgleichgewicht, sind teilweise Tendomyoplastiken oder Teilarthrodesen als operationstechnische Lösungen diskutiert worden. Sie sind aber Amputationsursachen durchführbar und werden nicht von allen Autoren empfohlen, können sich aber nachhaltig positiv auf eine Fehlstellung des Rückfußstumpfes auswirken.

Gestörtes muskuläres Gleichgewicht beim Chopart-Rückfußstumpf
Abbildung 3

Durch den Wegfall des Vorfußes steht der Rückfuß in einer vermehrten Plantarflexion, die bei der prothetischen Stumpfeinbettung durch eine so genannte „relative Dorsalextension“ kompensiert werden muss. Nur aus einer physiologischen Stellung des Fußes im Sprunggelenk heraus kann ein normaler Bewegungsumfang und auch eine entsprechende Kraftentfaltung für die Plantarflexion gewährleistet werden. Im Hinblick auf die Supination muss man beachten, dass bei abnehmender Vorfußlänge die Amputationslinie am Höhepunkt der Fußlängswölbung verläuft und dadurch der Eindruck einer vermehrten Supination „vorgegaukelt“ werden kann.

Amputationen im Mittelfuss.
Abbildung 4

Durch den Wegfall des Vorfußes steht der Rückfuß in einer vermehrten Plantarflexion, die bei der prothetischen Stumpfeinbettung durch eine so genannte „relative Dorsalextension“ kompensiert werden muss. Nur aus einer physiologischen Stellung des Fußes im Sprunggelenk heraus kann ein normaler Bewegungsumfang und auch eine entsprechende Kraftentfaltung für die Plantarflexion gewährleistet werden. Im Hinblick auf die Supination muss man beachten, dass bei abnehmender Vorfußlänge die Amputationslinie am Höhepunkt der Fußlängswölbung verläuft und dadurch der Eindruck einer vermehrten Supination „vorgegaukelt“ werden kann.

In Höhe der Zehengrundgelenke liegt der Vorfuß plan auf dem Boden auf (A), bei Amputationen im Bereich des Ristes entsteht eine distale Auflagefläche in Supination (B). Gleichzeitig stellt sich der Kalkaneus in einer Pronation ein. Die verbleibende Supination distal lässt sich orthopädietechnisch ausgleichen (Baumgartner 2008).

Zehenamputationen und Strahlresektionen

Typischerweise werden einzelne Zehenamputation eher orthopädieschuhtechnisch versorgt.
Bei großvolumigen Resektionen mehrerer Zehen bzw. der Großzehe sowie bei sensiblen Stumpfsituationen haben sich auch Prothesen mit integrierten Weichbettungen bewährt, da durch eine direkte Anbindung des Hilfsmittel an den Amputationsstumpf unnötige Friktionen zwischen Hilfsmittel und Stumpf vermieden werden können . Die Möglichkeiten der orthopädietechnischen/orthopädieschuhtechnischen Versorgung stellen sich wie folgt dar:

  1. Einlagen mit Defektausgleich und Zurichtungen in Konfektionsschuhen
  2. Orthopädische Schuhzurichtungen
  3. Zehenprothesen
  1. Einlagen
    Einlagen werden nach Zehenamputationen oder Strahlresektionen meist so gearbeitet, dass sie stützend gearbeitet sind, belastete Metatarsaleköpfchen entlasten und beispielsweise bei kompletten Zehenamputationen den leeren Platz im Schuh durch einen entsprechenden Defektausgleich aus Schaumstoff ausfüllen.
    Bei entsprechender Belastbarkeit und guter operationschirurgischer Technik sind auch feste Materialien verwertbar, insbesondere um beim Abrollen das Abstoßen aktiver zu gestalten.
  2. Orthopädische Schuhzurichtungen
    Die Alternative zu einer festen Einlage stellt eine Sohlenversteifung oder eine nahezu Sohlenversteifung dar in Kombination mit einer rückversetzten Ballenrolle wird der Vorfuß entlastet, das Abrollen erleichtert. Bei einer Amputation der II. Zehe resultiert häufig eine Hallux valgus Stellung durch ein Herüberwandern der I. Zehe in die Lücke. Hier ist prinzipiell amputationschirurgisch die Strahlresektion des II. Strahles vorzuziehen, da sich dann eine geringere Deformität entwickelt. In seltenen Fällen ist hier ein Silikon-Spacer zu nutzen, oder eine entsprechende Zehenprothese, um ein Herüberwandern der I. Zehe zu vermeiden.
  3. Zehenprothesen
    Zehenprothesen sind in der Regel selten indiziert, und wenn dann meist aus Gründen erhöhter Drucksensibilitäten am Amputationsstumpf oder einer ansprechenden Kosmetik. Letzterer mag aus dem Wunsch nach möglichem Barfußgang oder dem Wunsch nach Tragen offener Sandalen geboren sein. Mit der heutigen Silikon-Technik sind hier kosmetisch ausgesprochen ansprechende Resultate erzielbar.
    Bei sensiblen Amputationssituationen und Resektionen einzelner Zehenstrahlen hat sich die Versorgung mit Prothesen aus Silikon bewährt. Durch die einstellbaren flexiblen Eigenschaften des Silikons kann das normale Abrollverhalten der noch vorhandenen Zehenstrahlen sehr gut imitiert werden, sensible Druck- und Reibungsempfindliche Bereiche können durch ein weiches Gel abgepolstert werden. In seltenen Fällen größerer sensibler Hautareale empfiehlt es, die Silikon-Schaftkonstruktion zu Beginn der Versorgung proximaler höher zu führen und somit die tragende Fläche zu erhöhen. Bei rückläufiger Hypersensibilität kann dann die Prothese angepasst und entsprechend gekürzt werden (Baumgartner R., Möller M., Stinus H. 2011).
    Die vorangehende Anfertigung einer Probeprothese zur Härtenbestimmung ist grundsätzlich notwendig.

Versorgung von Mittelfußstümpfen

Bei einer transmetatarsalen Amputation ist bei korrekt durchgeführter Amputationschirurgie das Stumpfende durch Sohlenhaut gedeckt und gut belastbar, die Nerven sind subtil gekürzt. Die mögliche schuhtechnische Versorgung erfolgt hier mit einer Sohlenversteifung und rückversetzter Mittelfußrolle. Das Volumendefizit im Vorfuß kann v.a. bei langen transmetatarsalen Fußstümpfen oftmals durch eine Einlage mit Defektausgleich kompensiert werden. Die Röntgenbilder sind dem Orthopädietechniker oder –Schuhtechniker zu demonstrieren.
Bei aktiven Amputierten mit hohem Nutzungsanspruch und/oder instabilen Stumpfverhältnissen sollte hingegen bereits bei den langen Mittelfußstümpfen die Versorgung mit einer knöchelfreien Fußprothese in Erwägung gezogen werden. In der Regel ermöglicht die körpernahe Führung dieser Versorgungen (Vorfußprothese nach Bellmann oder Silikon-Vorfußprothese) eine Stabilisierung des Stumpfes sowie eine damit in Verbindung stehende höhere Aktivität. Auch beim kurzen Mittelfußstumpf sollten die klinischen Bedingungen sowie der funktionsgerechte Anspruch aus dem Nutzungsalltag des Amputierten genau abgeklärt werden. Die Versorgungsmöglichkeiten zwischen Einlagenversorgung mit Volumenausgleich, Schuhzurichtung oder orthopädischem Maßschuh einerseits und einer Prothesenversorgung andererseits können nach Festlegung des individuellen Nutzungsprofiles als Versorgungen der Wahl bezeichnet werden.

Versorgung des langen Fußwurzelstumpfes

Knöchelfreie prothetische Versorgung von langen Fußwurzel- und kurzen Mit telfußstümpfen (Bellmann-Prothese li.; Silikon-Vorfußprothese re.)
Abbildung 7

Der klassische lange Fußwurzelstumpf ist der Lisfranc-Stumpf. Da es sich bei dieser Amputationshöhe um eine Exartikulation mit Erhalt der Fußwurzelknochen handelt, sind meist gut belastbare und stabile Stumpfverhältnisse zu erwarten. Durch den Verlust des Mittel- und Vorfußes erfährt der Fuß eine deutliche Reduktion der Unterstützungsfläche. Zusätzlich gehen die Ansätze, der für den aktiven Gang wichtigen und aktiven Plantarflektoren verloren. Sowohl dieses Flächen-, wie auch das Funktionsdefizit lassen sich meist am Besser mit einer Prothese versorgen. Einlagen und Schuhzurichtungen vermögen diese Defizite nicht adäquat auszugleichen, orthopädisches Schuhwerk limitiert die Schuhauswahl bei dem, in der Regel konfektionsschuhtauglichen Fußstumpf.
Knöchelfreie Prothesentypen, wie z.B. die Bellmannprothese oder die individuell gefertigte knöchelfreie Silikon-Vorfußprothese (Laserich D. et al. 2003; Leininger A., Schmidt A., Schäfer M. 2000; Schäfer M. 2010). erfüllen die Anforderungen einer indikationsgerechten Prothesenversorgung für dieses Amputationsniveau.
Durch die körpernahe vollkontaktige Gestaltung des Prothesenschaftes stellen diese Versorgungsvarianten sowohl die Unterstützungsfläche wie auch die gangdynamischen Eigenschaften wieder her und ermöglichen in den meisten Fällen das Tragen von konfektioniertem Schuhwerk.

Versorgung kurzer Fußwurzelstümpfe und Rückfußstümpfe

Bei der Bona-Jäger-Amputation, noch stärker bei der Chopart-Amputation kommt es zu einer erheblichen Dysbalance durch Verlust der Fußheberansätze bei weiter bestehendem Zug der Achillessehne in die Plantarflexion, auch die Pronatoren verlieren ihren Ansatz bei weiter bestehendem Zug der Achillessehne nach medial in Supination. Hierdurch sind derartige Stümpfe mit kurzen Prothesen nur sehr schwer zu versorgen. Wichtig ist, dass sehr früh bereits eine entsprechende Interims-Gipsprothese angefertigt wird, um primär die entstehende Spitzfußsupinationsfehlstellung möglichst gering zu halten. In der späteren prothetischen Versorgung bieten sich zwei Versorgungsvarianten an:

a) Versorgung mit Sprunggelenks-beweglichen knöchelfreien Prothesen

Silikon-Rückfußprothese mit unterschenkellanger Adaptivorthese aus Carbon- Prepreg
Abbildung 8

Grundvoraussetzungen für eine Versorgung mit Sprunggelenksbeweglichen knöchel- freien Prothesen sind:

  • Aktive Bewegungsfunktion im OSG
  • belastbares Stumpfende ohne Neurom oder Schmerzen, keine sensiblen Knochenvorsprünge,
  • ausreichende Weichteildeckung im Fußrückenbereich,
  • so belastbare Haut, dass auch ein „Schlupfschuh“ mit Gummizug getragen werden kann,
  • genügende Stabilität im oberen Sprunggelenk.

Bellmann-Prothese
Das Prinzip der Bellmann-Prothese besteht darin, mittels einer starren Karbonfassung die Ferse elastisch fest zu umgreifen und eine Dislokation des Stumpfes aus der Prothese heraus zu verhindern (Bellmann D. 1987). Hierbei kommt es auf die exakte Fersenfassung an, die erforderlich ist auch um den in der Abstoßphase hohen Druck auf die Stumpfspitze zu vermeiden. Gerade beim bezüglich Weichteildeckung oft kritischen Chopart-Stumpf, sind hohe Drücke auf die Haut zu vermeiden. Der große Vorteil einer derartigen Prothese ist, neben dem sehr ansprechenden kosmetischen Erscheinungsbild, die Möglichkeit des Tragens dieser Prothese in einem normalen Konfektionshalbschuh, was insbesondere bei betroffenen Frauen eine hohe Akzeptanz auslöst.
Häufige Fehler, die bei einer derartigen Versorgung auffällig sind, sind (Baumgartner R. et al. 2011):

  • schlechte Fersenfassung
  • zu große Einschlupföffnung
  • zu schwache Karbonverstärkung und dadurch zu hohe Elastizität mit Verbiegung bei Belastung.

Silikon-Rückfußprothese
Auch diese Prothesenart ermöglicht eine Sprunggelenksbeweglichkeit. Die Silikon-Rückfußprothese unterliegt spezifischen Konstruktionskriterien und wird mit einem stabilisierenden Fersenfassung aus Kevlar und/oder einer hochshorigen Schaftverstärkung versehen (Schäfer M. 2000; Schäfer M. 2010; Schäfer M.2012). Die flexiblen Eigenschaften des Werkstoffes Silikon ermöglichen eine höhere Einbettung der Knöchelregion, als dies mit herkömmlichen Schaftmaterialien möglich wäre. Aufgrund der hohen adhäsiven Eigenschaften gelingt mit der Silikon-Rückfußprothese eine ausgesprochen gute Verbindung zum Fußstumpf. Durch die Integration von weichen Bettungsarealen können mögliche Druckspitzen auf mechanisch stärker belastbare Stumpfareale umverteilt werden.
Ein zusätzlich integriertes Carbon-Prepreg-Federelement koordiniert das Abrollverhalten und die Trageeigenschaften der Silikon-Rückfußprothese. Es ist darauf zu achten, dass der Volumenausgleich des Vorfußes möglichst leicht gestaltet werden sollte, da sich ein zu schwerer Vorfußausgleich ungünstig auf das Abrollverhalten und den Tragekomfort auswirkt.

Die Versorgung eines Rückfußstumpfes mit einer sprunggelenksfreien Prothesenkonstruktion (Bellmann-Prothese, Silikon-Rückfußprothese) ist die Ausnahme. In dieser Situation sind die jeweiligen Erfordernisse und Anforderungen exakt abzustimmen (Schäfer M. 2010).
Beide Prothesenarten können durch eine Adaptivorthese ergänzt werden. Diese limitiert die Bewegung im OSG und überträgt die auftretenden Bodenreaktionskräfte großflächig auf den noch vorhandenen Unterschenkel. Aufgrund der einfachen Adaption dieses Zusatzes können hier die Vorteile beider Konstruktionsvarianten wahrgenommen werden (Blumentritt S., Ludwigs E. 2011; Schäfer M. 2012).

Aus Sicht der Autoren können bei beiden sprunggelenksbeweglichen Prothesenkonstruktionen immer wieder begleitende Fehlermöglichkeiten in der alltäglichen Versorgung beobachtet werden:

  • zu starrer und/oder schwerer Vorfußausgleich verursacht Beschwerden am Stumpfende durch „Hebelwirkung“
  • ungenaue Bearbeitung der Bettung im Stumpfendbereich
  • Fehlende Rückverlagerung der Abrollkante erhöht den Druck auf den Stumpf
  • Schaftbettung wird zu weich gestaltet, wodurch eine mangelnde Stabilität der Prothese zu verzeichnen ist.

Prinzipiell muss darauf hingewiesen werden, dass bei derartigen kurzen Fußwurzelstümpfen letztendlich die Gangabwicklung deutlich gestört und das Gangverhalten durch die reduzierte Abstoßkraft verändert ist. Eine kosmetisch in der Regel wesentlich ansprechendere, aber dadurch die Knöchelregion nicht übergreifende Prothese vermag dieses Defizit funktionell nur unzureichend ausgleichen. Für aktive Läufer und Prothesennutzer die längere Gehstrecken zu bewältigen haben oder anderer erhöhte berufliche Belastungen kompensieren müssen, bzw. hohen Stoßbelastungen ausgesetzt sind, stellen Prothesen mit Fassung des Unterschenkels die leistungsfähigere Versorgung dar (Blumentritt S., Ludwigs E. 2011). Dies gilt umso mehr, je kürzer der Fußwurzel- bzw. Rückfußstumpf.

b) Unterschenkellange Prothesenversorgung nach Rückfußamputationen

Unterschenkellange Syme-Prothese mit Silikonliner und partiellem Weichwandinnenschaft
Abbildung 9

b) Ziel einer Prothesenversorgung bei Rückfußstümpfen oder sehr kurzen Fußwurzelstümpfen ist neben der guten kosmetischen Versorgung die Ermöglichung eines leistungsfähigen Gangs. Um diesen mechanischen Anforderungen gerecht zu werden, muss die prothetische Versorgung bis unter das Knie reichen. Die immer wieder zu sehende halbhohen Prothesenbauarten verursachen regelmäßig Beschwerden, da die auftretenden Drücke der Bewegungsdynamik auf eine zu geringe Fläche verteilt werden.

Es gibt verschiedene Bauarten der unterschenkellangen Prothesenversorgungen bei Rückfußstümpfen:

  • Rahmenprothesen (beispielsweise nach Botta) für Chopart-Stümpfe
  • Ventral geführte Rahmenprothesen für Chopart-Stümpfe
  • Unterschenkelprothese in Rahmen- oder Containerbauweise für Pirogoff-Stümpfe
  • Unterschenkelprothese in Rahmen- oder Containerbauweise Syme-Stümpfe

Bei der Rahmenprothese nach Botta (Baumgartner R., Botta P. 2008; Baumgartner R. et al. 2011; Hauser D. 2007) wird durch eine intelligente Rahmenführung der Prothese, mit Möglichkeit des „Abhebelns“ des proximalen Rahmenanteils am Schienbeinkopf, die Beweglichkeit des oberen Sprunggelenkes weiter ermöglicht. Das Gelenk kann somit 15° Bewegungsfreiheit erreichen. Der Einstieg erfolgt von hinten, der Patient schlüpft im Prinzip in den Rahmen herein, die Verankerung erfolgt durch einen in den Stumpfendbereich zum Vorfußausgleich hin eingebrachten „Keil“.
Je nach Härte des Vorfußersatzes bzw. der Keilarretierung ist ein entweder sehr aktives Gehen oder auch durchaus ein gedämpftes Gehen mit Verbesserung des Abrollaktes bei weicheren Bettungen möglich, durch letztere Versorgung wird die Belastung an der Stumpfspitze vermindert.

Die Pirogoff- bzw. Syme-Prothesen brauchen auf jeden Fall eine Unterschenkelfassung. Bei der Pirogoff-Amputation verkürzt sich das Bein um etwa 3 – 4 cm (Baumgartner R., Botta P. 2008; Baumgartner R. et al. 2011). Dies ist heute typischerweise kein Problem mehr, da genügend Passteile zur Verfügung stehen, um beispielsweise einen Karbonfuß unter die Prothese zu bauen. Die Pirogoff-Prothese ermöglicht ein hoch leistungsfähiges Gehen, da der birnenförmige Stumpf durch einen formausgleichenden Weichwandinnenschaft fest in der Prothesen-Karbonschale arretiert ist, die komplette Länge des Unterschenkels im Container- oder Rahmenzuschliff zur Führung der Prothese genutzt wird bei voll erhaltener Endbelastbarkeit des Stumpfendes.

Die Versorgung einer Syme-Amputation erfordert eine Einbettung des Stumpfendes gemäß der knöchernen Schnittfläche bzw. Resektionsfläche, der Schaftboden muss flach gestaltet sein. Das birnenförmige Stumpfende wird typischerweise in der Anfangsphase durch seitliche Schlitze in dem ausgleichenden Weichwandinnenschaft entlastet, hierdurch ist ein Hereinschlüpfen in die Prothese möglich.
Für reibungssensible Syme-Stümpfe, z.B. bei meshgraftgedeckten Hautarealen, empfiehlt sich die zusätzliche Versorgung mit einem dünnen Silikonliner. In Abhängigkeit von den Stumpfverhältnissen kann hier entweder ein konfektionierter oder ein individuell gefertigter Liner zum Einsatz kommen (Schäfer M. 2012). Dieser Liner agiert wie eine 2. Haut und entlastet die Weichteile vor den ungewünschten Reibungen an der Hautoberfläche.

Wichtig ist dabei eine Berücksichtigung der dreieckigen Gegenfläche des vorderen Schienbeinbereiches. Durch die Verkürzung der Beinlänge von 6 – 8 cm ist ohne weiteres eine kosmetisch ansprechende Versorgung mit entsprechenden Fußpassteilen möglich.

Datum der Veröffentlichung: 17.01.2013

Literaturhinweise

  • Baumgartner R., Botta P.: Amputation und Prothesenversorgung, Thieme-Verlag, 2008
  • Baumgartner R., Möller M., Stinus H.: Orthopädie-Schuhtechnik, Maurer-Verlag, 1. Auflage 2011, S.107-125
  • Bellmann D., Ein neuer Vorfußprothesentyp, Med. Orth.Tech. 1987, 107; S.21-22
  • Blumentritt S., Ludwigs E.: Teilfußamputation: Anatomie und Biomechanik – Zur Rehabilitation von Teilfußamputationen ; Med. Orth. Tech. 131; 4/2011, S. 25-38
  • Hauser D.: Prothetische Versorgungsmöglichkeiten von Vor- und Rückfußstümpfen – Ein Erfahrungsbericht, Fuß & Sprunggelenk, Bd.5, H.3; 8/2007 , S. 184-191
  • Laserich D.,Schmalz T., Blumentritt S., Katthagen B-D.: Ganganalytische und subjektive Beurteilung der Silikon-Vorfußprothese; Med. Orth. Tech.123; 4/2003; S. 55-68
  • Leininger A., Schmidt A.: Silikon-Vorfußprothesen - Möglichkeiten und Grenzen; Med.Orth. Tech.128, S. 37-45
  • Schäfer M., Gestaltungskriterien und Klassifizierung von Fußprothesen aus Silikon, Orthopädie- Technik 8/2000, S. 897-703
  • Schäfer M., Gawron O.: Orthopädie-technische Gestaltungskriterien zur Verbesserung des Schaftkomforts in der Beinprothetik, Orthopädie-Technik 7/2010, S. 512-523
  • Schäfer M.: Prothetische Versorgungsmöglichkeiten nach Amputationen am Rückfuß, Orthopädie-Technik 4/2012, S.50-57
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