Bei anhaltender Instabilität im oberen Sprunggelenk trotz intensivster Physiotherapie besteht die Indikation zur operativen Rekonstruktion des Kapselbandapparats. Bei guter lokaler Gewebequalität hat sich die anatomische Rekonstruktion der Bänder in der Technik nach Broström, modifiziert nach Gould bewährt. Dabei werden ausgerissene Bänder reinseriert, elongierten Bänder durch Verdoppelung gerafft und verstärkt (Broström). Eine weitere Verstärkung des Gewebes lässt sich erreichen, indem das Retinaculum extensorum als weitere Gewebeschicht über dem lateralen Kapselbandapparat vernäht wird. Aufgrund der sehr guten Operationsergebnisse verbunden mit geringer Gewebetraumatisierung hat sich das Verfahren weltweit etabliert.
Operationsprinzip
Rekonstruktion des gerissenen und elongierten Ligamentum fibulotalare anterius (LFTA) und Ligamentum fibulocalcaneare (LFC), bzw. inzuffizient verheilter Bandreste durch eine direkte raffende Naht mit anschließender Augmentation durch das Retinaculum extensorum. Voraussetzung für den Erfolg ist eine ausreichende lokale Gewebequalität. Bei Verdacht auf intraartikuläre Begleitläsionen kann eine Arthroskopie vorgeschaltet werden 1.
Wiederherstellung der Stabilität ausschließlich mit lokalem Gewebe ohne Transplantat.
Erhalt einer physiologischen Beweglichkeit im unteren Sprunggelenk
Keine Schwächung der aktiven Stabilisatoren des Sprunggelenks (wie z.B. bei Tenodeseverfahren)
Hohe Patientenzufriedenheit bei guten Operationsergebnissen durch verschiedene Studien belegt.
Technisch wenig anspruchsvolles Verfahren mit geringer Gewebetraumatisierung.
Endoskopische Durchführung möglich im Rahmen einer OSG Arthroskopie.
Durch moderne Ankertechniken weitere Ausweitung der Indikation.
Nachteile
Bei insuffizientem lokalem Gewebe oder bei Rezidivrupturen keine ausreichende Stabilisierung des Gelenks möglich.
Indikation
Chronische Instabilität des oberen Sprunggelenks (Z.n. traumatischer Ruptur des LFTA und des LFC, Talusvorschub und nachgewiesene Aufklappbarkeit lateral).
Besteht eine Instabilität auf dem Boden einer Rückfußvarusfehlstellung, so ist ggf. eine gleichzeitige Rückfusskorrektur notwendig 2.
Kontraindikationen
Allgemeine Kontraindikationen wie Infekt oder Hautläsionen im OP-Gebiet
Herz-Kreislauferkrankungen
Lokale Veränderung im OP-Gebiet wie Stauungsdermatits, Ulcera, ausgedehnte Vernarbungen z.B. nach Frakturversorgung.
Bei gleichzeitiger Instabilität der Syndesmose ist das Verfahren nicht ausreichend 3.
Patientenaufklärung
Wundheilungsstörung, bis zur Notwendigkeit von Revisionsoperationen.
Funktionseinschränkung bei zu straffem Gelenk oder Narbenbildung.
Infekt mit Antibiotikabehandlung, operative Revision.
Ggf. Erweiterung des Eingriffs mit Periostlappenplastik und Knochenanker.
Persistierende Schwellungsneigung.
Verletzung der lateralen Äste des N. peroneus superficialis mit Dyästhesien am Fußrücken; Neurombeschwerden.
2 wöchige Ruhigstellung in einem Unterschenkelwalker mit 20 kg Teilbelastung, anschließend Belastungsaufbau mit Sprunggelenkorthese. Ab der 5. Woche ist unter Schutz der Orthese meist die Belastung mit dem vollen Körpergewicht möglich.
Bedeutung der Physiotherapie zur Verbesserung der aktiven Stabilisierung des Sprunggelenks.
Arbeitsunfähigkeit: In Abhängigkeit vom Beruf ca. 1 – 12 Wochen.
Kein selbständiges Führen eines Kraftfahrzeuges ca. 4 Wochen (Ausnahme Automatikgetriebe und linke betroffene Extremität).
Aufklärung über konservative Alternativen (Dauerversorgung mit Sprunggelenkorthese oder knöchelhohem Schuh).
Thrombose mit der Möglichkeit einer Lungenembolie. Thromboseprophylaxe bis zum Wiedererreichen der Vollbelastung im Konfektionsschuh (ca. 4 Wochen; bei Zusatzeingriffen länger).
Persistierende Schmerzen, chronisches Schmerzsyndrom (CRPS, M. Sudeck).
Erneute Ruptur, Gefühl der Steifigkeit des Gelenkes gegenüber vorher und im Vergleich zur Gegenseite
Operationsvorbereitung
Klinisch körperliche Untersuchung mit Dokumentation der Instabilität 4.
Untersuchung auf Begleitverletzungen (Syndesmose, Calcaneocuboidalgelenk, Peronealsehnenverletzung)
Röntgen OSG a.p. (20° Innenrotation = “mortise view“) und seitlich
Optional gehaltenen Röntgenaufnahmen mit Nachweis der Instabilität im Vergleich zur Gegenseite (Talusvorschub, Taluskippung)
MRT zur Beurteilung der Bandstrukturen, sowie zur Beurteilung von Begleitverletzungen (Knorpelschäden, Syndesmose, Synovalitis, Peronealsehnen) (Stäbler 2012).
Instrumentarium
Standard Knocheninstrumentarium ohne spezielle Instrumente
Anästhesie und Lagerung
Allgemeinanästhesie (Intubationsnarkose oder Larynxmaske) oder Regionalanästhesie (Ischiadicus- und Femoraliskatheter) oder rückenmarknahe Anästhesieform.
Oberschenkelblutleere 40-100 mmHg über dem systolischen Blutdruck; Anpassung der Manschettengröße in Abhängigkeit des Oberschenkelumfanges zur Vermeidung einer venösen Stauung
Rückenlagerung, Unterlagerung der seitengleiche Hüfte, um der spontanen Außenrotation des Unterschenkels entgegenzuwirken und eine gute Aufsicht auf das laterale Sprunggelenk zu ermöglichen.
Die Erstbeschreibung von Broström beinhaltete nur die Naht der Bandanteile 5. Die zusätzliche Raffung des Retinaculum extensorum (Modifikation nach Gould) erhöht die Stabilität der Rekonstruktion 6.
Bei knochennahen Bandausrissen kann sowohl durch transossäre Nähte als auch durch Knochenanker eine ähnlich hohe Stabilität erreich werden 7.
Zeigt sich intraoperativ ein insuffizientes Gewebe, kann die Rekonstruktion jederzeit durch eine zusätzliche Periostlappenplastik verstärkt werden.
Von einigen Arbeitsgruppen wurde in den letzten Jahren ein arthroskopisches Vorgehen mit guten Ergebnissen beschrieben 89.
Postoperative Behandlung
Ruhigstellung für 2-4 Wochen im Gehgips oder Walker (Vacoped).
Dann für weitere 6 Wochen Orthese mit elastischen Stabilisierungselementen (z.B. Malleosprint – Otto Bock ™, Duderstadt, Deutschland). Orthesen mit harten Schalen haben sich auf der frischen Narbe nicht bewährt und werden von vielen Patienten schlecht toleriert.
Thromboseprophylaxe mit niedermolekularem Heparin bis zum Erreichen der Vollbelastung.
Fehler, Gefahren, Komplikationen
Verletzung der sensiblen Äste de N. peronaeus superficialis.
Verletzung oder Einnähen der Peronealsehen.
Besondere Vorsicht ist bei der Präparation der ehemaligen Bänder geboten, um die Schicht zur Rekonstruktion nicht zu zerstören.
Knochenanker ermöglichen stabile Verhältnisse bei knochennahem Ausriss der Bänder. Gleiches gilt für das Vorgehen beim Ausriss von transossären Nähten. Auch hier erleichtern Anker das operative Vorgehen.
Ergebnisse
Das seit vielen Jahren durchgeführte Verfahren hat in zahlreichen Studien durch seine sehr guten Langzeitergebnissen überzeugt und weltweite Verbreitung gefunden 51061112. In der überwiegenden Zahl der Fällen ist eine vollständige Wiederherstellung der Stabilität mit guter Sportfähigkeit gegeben, auch wenn die Instabilität schon über viele Monate bestanden hat 13141516. Die Metaanalyse des Cochrane Instituts konnte eine klare Überlegenheit der anatomischen Rekonstruktionsverfahren gegenüber den lange Zeit favorisierten Tenodesetechniken belegen 17. 17054892 Verschiedene Arbeitsgruppen haben immer wieder die Bedeutung der physiotherapeutischen Nachbehandlung herausgestellt, mit dem Ziel die aktive Stabilisierung des Sprunggelenks zur verbessern 18.
Weitere Literatur
Stäbler A.: Bildgebende Diagnostik des Fußes. Stuttgart, Thieme, 2012.