Einleitung
Geschichte
Linkshänder stellen in unserer Bevölkerung mit ca. 10 – 15% eine Minderheit dar. Den meisten Studien zufolge gibt es unter den Linkshändern mehr Männer als Frauen.
Bereits griechische Philosophen glaubten die Händigkeit sei angeboren und bestätigten damit die Erkenntnisse der heutigen Wissenschaft. Dennoch weisen 25% aller eineiigen Zwillinge Unterschiede in ihrer Händigkeit auf. Ein Linkshänder Gen konnte bis heute nicht identifiziert werden (Masud 2012, Mandal 2007).
Ebenso gibt es keinen signifikanten Unterschied beim IQ zwischen Links- und Rechtshändern. Mensa, ein weltweiter Verein für hochbegabte Menschen, gab bei einer Befragung im Jahr 2010 an, dass nur 7% seiner Mitglieder Linkshänder seien (Ghayas 2007).
Vier der letzen fünf US-Präsidenten waren Linkshänder. Musiker wie Phil Colins und Kurt Cobain verbindet eine Präferenz für ihre linke Hand, ebenso Künstler wie Picasso, Michelangelo und Leonardo da Vinci 1.
In der Vergangenheit wurden zahlreiche Ansätze unternommen, die Ursache von Linkshändigkeit zu erforschen. Keine der bisherigen Theorien konnte widerspruchsfrei klären, wie die Hand-Präferenz eines Menschen entsteht.
Linkshändigkeit war in der Geschichte häufig mit einem Stigma versehen. Im antiken Rom wurden linkshändige Sklaven als „beschädigte Ware“ reklamiert und zurückgegeben bzw. mit einem Rabatt veräußert. Auch die Griechen vertraten die Meinung, dass Linkshändigkeit mit etwas Schlechtem und Negativen verbunden sei. In der muslimisch geprägten Welt gilt die linke Hand unverändert als böse und unrein, so dass linkshändige Chirurgen in der Gesellschaft als weniger talentiert angesehen werden 2. Beim Auspizium, der Zukunftsvoraussage durch Beurteilung der Flugrichtung der Vögel oder der Eingeweideschau bedeutete links Unheil und Unglück. Professionelle Orchester nehmen bis heute keine linksspielenden Musiker auf 3.
Bewegende Einschnitte für Linkshänder waren die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und die Industrialisierung. Bis in die 1970er Jahre wurden Kinder spätestens mit der Einschulung gezwungen die rechte Hand als Schreibhand zu verwenden. Vielerorts ist es auch heutzutage noch üblich, Linkshänder umzuerziehen, was einerseits meist mit einer erhöhten Flexibilität im Handeln und Denken verbunden ist. Andererseits sind die kognitiven und psychischen Folgen dieser Umerziehung in der Bevölkerung noch nicht ausreichend bekannt. Eine erzwungene Umschulung kann mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Gedächtnisstörungen, Legasthenie und Sprachstörungen zur Folge haben.
Die Industrie hat zwischenzeitlich auf spezifische Anforderungen von Linkshändern reagiert und Produkte für Schule und Alltag entwickelt (z.B. Scheren, Computermäuse, Werkzeuge, Maschinen) 4.
Linkshändigkeit im ärztlichen Beruf
Die Bedeutung der Händigkeit spielt eine große Rolle in allen Berufen, in denen mit Instrumenten und Geräten gearbeitet wird, die die Benutzung einer bestimmten Hand vorgeben. Nicht-symmetrische Behandlungsinstrumente sollten entsprechend in „seitenverkehrter“ Variante vorhanden sein, was jedoch häufig nicht der Fall ist 5. Linkshänder werden zu Beginn ihrer Ausbildung dazu angehalten die rechte Hand als dominante Hand zu verwenden. Viele Linkshänder entwickeln daher gezwungenermaßen Ambidexter Eigenschaften.
Die Ausübung ärztlicher Tätigkeiten orientiert sich an eine rechtshändig normierte Welt. So können Studenten der Zahnmedizin nicht damit rechnen an den Universitäten Arbeitsplätze vorzufinden, die ihrer Linkshändigkeit entsprechen. Studien zeigen, dass linkshändige Operateure, die in ihrer Ausbildung mit „Rechtshänder Equipment“ arbeiten mussten, deutlich schlechter Ergebnisse erzielt hatten als ihre rechtshändigen Kollegen 6. Allerdings lassen sich mit geringfügigen Modifikationen der Ausrüstung diese Barrieren überwinden 78.
Linkshändern fällt es schwer operative Techniken von einem Rechtshänder zu erlernen 9. Häufig sehen sie sich gezwungen eigene Techniken zu entwickeln um das „Manko“ der Linkshändigkeit zu kompensieren 10. Einer von zehn Linkshändern lehnt es ab von einem Linkshänder operiert zu werden (Dobson 2005).
Die Literatur zum Thema Linkshänder im Operationssaal hat in den letzten 3 Jahren stark zugenommen. Während 2016 knapp 40 Artikel auf die Suchworte „left-handed und surgeon“ erschienen, ist diese Zahl 2018 auf über 110 angewachsen. Die meisten Veröffentlichungen befassen sich mit Eingriffen aus dem Gebiet der Viszeral- und Neurochirurgie sowie der Zahnmedizin.
Minimal-invasive Fußchirurgie
Seit ca. 10 Jahren haben minimal - invasive Eingriffe auf dem Gebiet der Fuß- und Sprunggelenkschirurgie in Deutschland zunehmend an Popularität gewonnen 11. Im Fokus steht dabei die Hallux valgus Chirurgie 12, sowie die Korrekturosteotomie des Kalkaneus 1314.
Bei der Lektüre von Operationsanleitungen zur minimal-invasiven Operationstechniken am Fuß fällt auf, dass diese ausschließlich aus Sicht des Rechtshänders erläutert werden.Dabei sind Zugangswege, die Anordnung der Geräte und des Personals für einen linkshändigen Operateur nicht praktikabel.
Im Folgenden wird die Anordnung für die gängigen minimal - invasiven Eingriffe (Minimal Invasive Chevron und Akin Osteotomie - MICA, Distale Metaphysäre Metatarsaleosteotomie -DMMO, Calcaneus Osteotomie, Fersensporn) am rechten und linken Fuß für einen linkshändigen Operateur dargestellt.
Minimalinvasiver Chevron und Akin (MICA), minimalinvasive distale Metatarsaleosteotomie (DMMO) und Kleinzehenkorrektur
Lagerung
Die Lagerung des Patienten erfolgt auf dem Rücken. Falls intraoperativ auf ein offenes Verfahren gewechselt werden muss, wird prophylaktisch eine Blutsperren-Manschette angelegt. Im Rahmen der präoperativen Vorbereitung erfolgt die Gabe eines i.v. Cephalosporins der 2. Generation.
Der zu operierende Fuß wird bis zum Sprunggelenk steril abgewaschen und abgedeckt. Die Gegenseite wird mit dem mobilen Fußteil des Operationstisches etwas abgesenkt.
Die Füße hängen bis auf Höhe des oberen Sprunggelenkes über dem Ende des Operationstisches. Der Instrumentiertisch befindet sich vor dem Operateur (Abb. 1).
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Rechter Fuss
Der Operateur sitzt an der rechten Seite des Fußes. Das Maschinensystem für die Fräse steht auf der rechten Seite hinter dem Operateur. Der Bildverstärker steht links des OP Tisches. Der Monitor steht für den Operateur gut sichtbar auf der linken Seite neben dem C Bogen. In dieser Position kann auch ein laterales Release, sofern nötig, durchgeführt werden (Abb. 2, Abb. 3).
Die instrumentierende OP Pflegekraft steht mit dem Tisch am Fußende des Patienten. Eine weitere Assistenz ist in der Regel nicht nötig.
In dieser Position ist prinzipiell auch die Durchführung der DMMO möglich.
Es sich als praktikabler erwiesen einen Positionswechsel für die DMMO durchzuführen und sich vor den rechten Fuß zu stellen (Abb. 4). In dieser Position erfolgt auch die Korrektur der Kleinzehen. Stichinzisionen für die Kleinzehen sind lateral bzw. plantar.
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Linker Fuss
Der Operateur steht vor dem linken Fuß. Maschinensystem, OP Pflegekraft und Instrumentiertisch stehen vom Operateur aus gesehen auf der linken Seite. C-Bogen und Monitor stehen aus Sicht des Operateurs rechts.
Teilweise ist es praktikabler die Eingriffe am linken Fuß im Stehen durchzuführen (Abb. 5), wobei diese grundsätzlich auch im Sitzen möglich sind.
In dieser Positionierung können sowohl das laterale Release, Osteotomie des Os metatarsale I und die Korrektur der Kleinzehen am linken Fuß durchgeführt werden. Ein Positionswechsel des Operateurs ist nicht nötig (Abb. 6).
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Beidseitige Eingriffe
Bei einer Korrektur beider Füße in einer Sitzung wird ein Doppellochtuch verwendet. Es hat sich als günstig erwiesen mit der rechten Seite zu beginnen. Der linke Fuß wird während dieser Zeit mit einem sterilen Tuch bedeckt und das Beinteil wie oben beschrieben abgesenkt.
Calcaneus Osteotomie
Lagerung
Die Lagerung des Patienten erfolgt auf dem Rücken, da häufig neben der Calcaneus Osteotomie additive Verfahren (Sehnennaht, Sehnentransfer) durchgeführt werden müssen. Falls intraoperativ auf ein offenes Verfahren gewechselt werden muss, wird prophylaktisch eine Blutsperrenmanschette angelegt, die jederzeit eine Blutsperre oder Blutleere erlaubt. Im Rahmen der präoperativen Vorbereitung erfolgt die Gabe eines i.v. Cephalosporins der 2. Generation.
Der zu operierende Fuß wird mit dem Unterschenkel auf einem festen, röntgendurchlässigen Schaumstoffkissen gelagert, so dass der Fuß frei zu liegen kommt. Die Positionierung eines keilförmigen, festen Schaumstoffkissens hat sich für die Calcaneus Osteotomien bewährt. Durch die freie, erhöhte Lagerung des Fußes ist die Durchführung einer überlagerungsfreien, axialen Aufnahme intraoperativ möglich.
Der zu operierende Fuß wird bis zum Unterschenkel steril abgewaschen und abgedeckt. Die Gegenseite wird mit dem mobilen Fußteil des OP Tisches etwas abgesenkt.
Rechter Fuß
Der Bildverstärker steht links des OP Tisches. Der Zentralstrahl wird für die seitliche Aufnahme im 90° Winkel zur Kalkaneusachse ausgerichtet. Das nicht zu operierende Bein ist etwas abgesenkt. Für die axiale Aufnahme ist der Bildverstärker maximal nach kaudal gekippt, der Zentralstrahl ist auf die Ferse zentriert und verläuft weitgehend parallel zur Osteotomieebene (Abb. 7a und b).
Der Operateur steht vor dem rechten Fuß. Die Maschine für das Fräsensystem steht auf der linken Seite des Operateurs. Der Monitor steht für den Operateur gut sichtbar auf der linken Seite neben dem Bildverstärker (Abb. 8a und b).
Die seitliche Aufnahme erlaubt die Beurteilung der Lage der Fräse, auf der axialen Aufnahme kann das Ausmaß der Verschiebung exakt beurteilt werden. Die Lage des Osteosynthesematerials wird grundsätzlich in beiden Ebenen kontrolliert (Abb. 8c und d).
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Linker Fuß
Auch bei der OP des linken Fußes steht der Bildverstärker links des OP-Tisches. Analog zum Vorgehen rechts wird der Zentralstrahl für die seitliche Aufnahme im 90° Winkel zur Kalkaneusachse ausgerichtet. Das nicht zu operierende Bein ist etwas abgesenkt. Für die axiale Aufnahme wird der Bildverstärker maximal nach kaudal gekippt, der Zentralstrahl ist auf die Ferse zentriert und verläuft weitgehend parallel zur Osteotomieebene (Abb. 9a und b)
Der Operateur steht hinter dem linken Fuß. Die Maschine für das Fräsensystem steht am Fußende. Der Monitor steht für den Operateur gut sichtbar auf der linken Seite neben dem Bildverstärker (Abb. 9c und d).
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Operation beidseits
Die Durchführung einer Calcaneus Osteotomie beidseits in einer Sitzung ist ohne erhöhten Lagerungsaufwand möglich. Das Absenken der Beinteile erfolgt elektronisch und das Umsetzen des Schaumstoffkissens kann intraoperativ durch die OP Pflege erfolgen. Alle anderen Geräte (Bildwandler, Monitor, steriler Tisch und Motor) können in ihrer Position verbleiben.
Fersensporn
Lagerung
Die Lagerung des Patienten erfolgt auf dem Rücken. Im Rahmen der präoperativen Vorbereitung erfolgt die Gabe eines i.v. Cephalosporins der 2. Generation. Der zu operierende Fuß wird bis zum OSG steril abgewaschen und abgedeckt. Der nicht zu operierende Fuß wird mit dem mobilen Fußteil des OP Tisches etwas abgesenkt. Der Fuß wird über den OP Tisch frei gelagert. Bildverstärker und Monitor stehen auf der linken Seite (Abb. 10a und b).
Der Zentralstrahl des Bildverstärkers wird im 90° Winkel zur Kalkaneusachse ausgerichtet, sodass das Fersenbein seitlich abgebildet wird. Der Operateur steht vor dem Fuß.
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Diskussion
Der Beruf des Fuß- und Sprunggelenkchirurgen erfordert, für Rechts- als auch für Linkshänder, eine hohe Geschicklichkeit und Koordinationsfähigkeit beider Hände. Es gibt kaum Behandlungssituationen, die nur ausschließlich mit einer Hand ausgeführt werden können. Erschwert wird das operative Vorgehen für den linkshändigen Operateur, da viele Geräte und auch OP-Konzepte für Rechtshänder ausgelegt sind. Um mit diesen Instrumenten arbeiten zu können sind Linkshänder teilweise gezwungen eine ergonomisch ungünstige Position einzunehmen, welche ein erhöhtes Risiko für Überlastungsreaktionen beim Operateur birgt 15.
Die bisher veröffentlichten Operationsbeschreibungen zum Thema „minimal - invasive Fußchirurgie“ sind ausschließlich für einen rechtshändigen Operateur ausgerichtet. Die beschriebenen Zugangswege und Positionierung des Operateurs sowie des Equipments sind für einen linkshändigen Operateur nicht praktikabel.
Wie auch Arbeiten aus anderen chirurgischen Fächern gezeigt haben, können aber bereits im Vorfeld durch überlegte Positionierung von Patient, Operationsteam und Geräten viele Probleme vermieden werden. Die Notwendigkeit spezieller Instrumente für Linkshänder sehen wir in der minimalinvasiven Fußchirurgie derzeit nicht, auch wenn dies in anderen operativen Bereichen durchaus sinnvoll erscheint 8.
Trotzdem ist ein hohes Maß an Flexibilität und Toleranz sowie Kooperationsbereitschaft des Operationsteams gegenüber dem linkshändigen Operateur Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf eines operativen Eingriffes.
Linkshändige Chirurgen haben gelernt sich an eine rechtshändige Welt zu adaptieren. Die Fähigkeit beide Hände nahezu gleichermaßen einsetzen zu können erlaubt ihnen chirurgische Probleme differenzierter anzugehen und zu lösen. Dies gilt allerdings in gleicherweise für rechtshändige Operateure. Grundsätzlich gilt: Operateure welche beide Hände mit ähnlich hoher Geschicklichkeit einsetzen können, haben vielfach Vorteile 161715. Eine Verbesserung der Akzeptanz für linkshändige Chirurgen im Rahmen ihrer Ausbildung wäre aber trotzdem wünschenswert.
Weitere Literatur
- Dobson R. The loneliness of the left-handed surgeon. The BMJ; 2005; 330:10 (https://doi.org/10.1136/bmj.330.7481.10-f)
- Ghayas, S, Adil, A. Effects of Handedness on Intelligence Level of Students. Journal of the Indian Academy of Applied Psychology 2007; 33 (1), 85 – 92.
- Mandal, MK, Dutta T. Left handedness: Facts and Figures across Cultures. Psychology and Developing Societies 2001; 13(2), 173 – 191
- Masud Y, Ajmal MA. Left-handed people in a Right-handed World: a Phenomenological Study. Pakistan Journal of Social and Clinical Psychology 2012; Vol. 10, No. 1, 49 – 60