Zusammenfassung

Das Kompartmentsyndrom des Fußes stellt eine wichtige Komplikation bei Frakturen und Fußwurzelluxationen dar. Bei mehreren konkurrierenden Einteilungen der Kompartimente des Fußes ist die am häufigsten gebräuchliche Einteilung die auf Manoli und Weber 1 zurückführende Einteilung in neun Kompartimente (Calcaneuskompartment, mediales Kompartment, Abductorkompartment, superficiales (zentrales) Kompartment, laterales Kompartment und vier Interosseuskompartimente. Die Diagnose erfolgt entsprechend eines vorgegebenen Algorithmus 2 meist in der Kombination zwischen klinischem Bild und intraartikulärer Druckmessung. Hier ist eine Bewertung des kompartimentellen Drucks zum systemischen Blutdruck am sinnvollsten, so dass ein Grenzwert von RR diastolisch minus RR subfascial < 20 mmHg als sinnvoll erachtet wird 34567. Als Standardtherapie gilt beim existenten Kompartmentsyndrom die chirurgische Therapie. Hierbei sollten drei Zugänge verwendet werden, einmal der doppelte dorsale Zugang mit zwei Inzisionen sowie additiv der medioplantare Zugang zum calcanearen Kompartment. Die Gefahr der Hautbrückennekrose wird hierbei in der Literatur als relativ selten angegeben. Das calcaneare Kompartment kann als Indikator gelten, da es die höchsten Druckwerte aufweist. „Wachsame Achtsamkeit“ ist bei Rück- und Mittelfußfrakturen sowie Chopart- und Lisfranc-Gelenkluxationen geboten, da diese sehr häufig mit einem Kompartmentsyndrom einhergehen. Nach operativer Versorgung erfolgt der Wundverschluss nach Abklingen der Ödemphase(ca. acht Tage) zweizeitig mit Sekundärnaht oder Mesh graft.

Einleitung

Das Kompartmentsyndrom stellt ein wichtiges und häufiges Krankheitsbild unfallchirurgisch-orthopädischer Patienten mit großer klinischer Relevanz dar. Es gilt zumindest am Unterschenkel, nach der tiefen Venenthrombose, als die zweithäufigste Komplikation in der Frakturbehandlung (Tscherne H: Kompartmentsyndrom. Editorial. Unfallheilkunde 1982;85:125). Ursächlichlich ist eine Druckerhöhung in einer der neun Kompartimente des Fußes, welche im Weiteren zur Muskel- und Nervenschädigung führt 1. Besonders gefährdet sind im Allgemeinen dabei Patienten mit Hochrasanztraumata oder Polytraumata 8. Das Kompartmentsyndrom des Fußes tritt vor allen Dingen bei schweren Quetsch- und Kontusionstraumen auf sowie bei Luxationen und Frakturen des Lisfranc- und Chopart-Gelenks oder Calcaneus- und Talusfrakturen. Kasuistisch beschrieben sind allerdings auch Kompartmentsyndrome des Fußes nach isolierten Kontusionstraumata oder auch toxisch, zum Beispiel nach Tierbissverletzungen (Schlangenbiss durch Viper)9. Die langfristige Konsequenz des Kompartmentsyndroms wurde bereits von Richard von Volkmann Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben und im Unterarmbereich auch als Volkman-Kontraktur bezeichnet (Volkmann R, Die ischämischen Muskellähmungen und Kontrakturen, Zentralbl Chir 1881;8: 801-803). Bereits 1906 wurde die Bedeutung des intrakompartimentell erhöhten Druckes für die Pathologie des Kompartmentsyndroms erkannt (Hildebrand O: Die Lehre von den ischämischen Muskellähmungen und Kontrakturen, Samml Klin Vorträge. 1906;122: 437). Bei Motorradunfällen ist eine Inzidenz von bis zu 6 % bei begleitender Fußverletzungen beschrieben 10 bei Chopart-Luxation gar in bis zu 25 % sowie bei Lisfranc-Luxation in bis zu 34 % der Fälle 11. Kasuistisch beschrieben sind ebenfalls atraumatische, funktionelle Kompartmentsyndrome des Fußes, ähnlich wie sie im Unterschenkel vor allem in der Tibialis Anterior Loge (z.B.Läufer) auftreten können.

Ätiologie des Kompartmentsyndromes

In der Ätiologie des Kompartmentsyndromes bedarf es zweier Grundvoraussetzungen, die für eine Genese verantwortlich sind. Zum einen muss der Kompartmentraum begrenzt sein, zum anderen muss eine Druckererhöhung innerhalb dieses Raumes stattfinden. Diese Druckerhöhung kann entweder durch eine Vergrößerung des Inhalts oder durch eine Verminderung des Volumens hervorgerufen werden. Insgesamt gilt die Vermehrung des Kompartmentinhaltes als ätiologisch bedeutsamster Faktor für die Entstehung des Kompartmentsyndroms.

Häufigste Ursache für die Vermehrung des Kompartmentinhaltes stellt die Einblutung in die Muskelloge dar. Blutungen entstehen z.B. nach Gefäßverletzungen, nach Osteotomien oder aus spongiösen Knochenanteilen nach Frakturen. Zusätzlich treten Blutungen immer wieder im Rahmen von Gerinnungsstörungen oder einer Antikoagulanzientherapie auf. Weitere Ursache für die Vermehrung des Kompartmentinhaltes stellt das Ödem aufgrund einer erhöhten Kapillarpermeabilität dar. Das Ödem selbst stellt innerhalb des Kompartments eine Perfusionsbarriere dar, die zu Hypoxie und Azidose führt. Die folgende verminderte Oxygenierung führt wiederum zu einem Kapillarwandschaden, aus dem eine weitere Permeabilitätsstörung entsteht. Der Druck nimmt weiter zu und die Perfusion weiter ab 12. Eine Kombination von Hämatom und Ödem tritt häufig nach Frakturen, Osteotomien und Kontusionen auf. Ebenso können aber auch thermische Verletzungen wie Verbrennungen, Intoxikation, intensive muskuläre Anstrengungen oder toxische Reaktion zur Vermehrung eines Kompartmentinhaltes führen. Die Verminderung des Kompartmentvolumens wurde bereits von Volkmann beschrieben. Hier stehen vor allem konstringierende Verbände und Gipsverbände oder der zu enge Verschluss von Faszien im Vordergrund. Andere Ursachen sind Einklemmungen bei Verkehrsunfällen und Überrolltraumen sowie höhergradige zirkuläre Verbrennungen.

Pathophysiologie

Die Pathophysiologie des Kompartmentsyndromes ist komplex und basiert auf folgenden Kernaussagen 84:

  • Perfusionsstörung
  • Kapillar-Leck-Syndrom
  • „Third space“
  • Ischämieperfusionsverletzung
  • Ausbildung freier Radikale
  • Endothel- und Kapillarschäden durch Komplementaktivierung
  • Leukozyteninfiltration,
  • Ausbildung SIRS
  • Apoptose und Nekrose

Die Perfusionsstörung basiert im Wesentlichen auf der Grundlage des Gesetzes von Hagen-Poiseuille 8, nach welchem Veränderungen des Gefäßradius vierfach potenziert die lokale Durchblutung beeinflussen. Mit steigendem Gewebedruck steigt sukzessive der Venendruck und mindert so den arteriovenösen Gradienten. Niedrige arterielle Druckwerte hämodynamisch instabiler Patienten mindern zusätzlich den arteriovenösen Gradienten. Aufgrund des Volumenmangels, mit verursacht durch Endothelschaden und Kapillar-Leck, kommt es zur Erhöhung der Blutviskosität und zur Minderung der lokalen Durchblutung. Basierend auf der Aussage von Starling, dass Flüssigkeitsbewegung zwischen Plasma und Gewebe als Funktion der Differenzen von hydrostatischen Drücken und proteinosmotischen Kräften zwischen diesen Räumen stattfindet, kommt es zur Ausbildung eines Kapillar-Leck (Capillary Leak Syndrome). (Starling EH 1896, On the absorption of fluids from the connective tissue spaces, Journal Physiology 19: 312-326). Das Kapillar-Leck verursacht im Weiteren einen interstitiellen und intrazellulären „third space“ 8. Zusätzlich akkumuliert die Ischämie toxisch metabolische Stoffwechselprodukte. Weiterhin kompliziert wird dieser Vorgang durch die zunehmende Ausbildung freier Radikale sowie einer Endothel- und Kapillarschädigung durch eine Komplementaktivierung. Das traumatisierte Gewebe reagiert mit lokaler Entzündung und diese Leukozyteninfiltration kann bis zur Ausbildung eines SIRS (Systemic Inflammatory Response Syndrome) führen. Im Gegensatz zum drohenden und manifesten Kompartmentsyndrom ist das funktionelle Kompartmentsyndrom nicht traumatischer Genese. Es wird tritt auf, wenn es während oder nach Muskelarbeit zu einer funktionell bedingten Ischämie im Muskel kommt. Bekannt sind funktionelle Kompartmentsyndrome sich vor allem in der Tibialis anterior Loge des Unterschenkels nach langen Märschen, Langstreckenläufen und Wettkampfgehen. Charakteristischerweise kommt es zu einer Schmerzzunahme unter Belastung und zum Abklingen der Beschwerden in Ruhe 13.

Unfallmechanismen

Von Kompartmentsyndromen des Fußes besonders betroffen sind Patienten nach Hochrasanztraumen, polytraumatisierte Patienten, Überolltraumen sowie bei Frakturen und Luxationen im Lisfranc- und Chopart-Gelenk. In einer systemischen Literaturübersicht (Metaanalyse) beschreiben Ojike et al. 2 die Crush-Verletzung mit 28 % der Fälle als häufigsten Unfallmechanismus gefolgt von Stürzen aus großer Höhe (26 %) und Autounfällen in ebenfalls 26 %. Seltener traten auf: Motorradunfälle (7,5 %), Fahrradunfälle (2,5 %), Zugunfälle (5 %), Schussverletzungen (2,5 %) und Wrestling-Sportverletzungen (2,5 %) 14151617. Die häufigste knöcherne Verletzung welche ein Fußkompartmentsyndrom nach sich zog war in der Metaanalyse in 23 % der Fälle die Calcaneusfraktur, gefolgt von der Lisfranc-Fraktur (21 %) und Metatarsal- bzw. Phalanxfrakturen (18 %). Nach Richter et al. 11 führen Chopart-Luxationen in bis zu 25 % und Lisfranc-Luxationen in bis zu 34 % zum manifesten Kompartmentsyndrom. Ein funktionelles Kompartmentsyndrom des Fußes ist beschrieben bei Triathleten 18, Balletttänzern 19, im Laufsport 20 sowie aufgrund multipler weiterer Kasuistiken 21.

Anatomie

Erste Arbeiten zu den anatomischen Einteilungen der Fußkompartimente basieren auf den Arbeiten von Grodinsky (Grodinsky M: A study of the fascial spaces of the foot and their bearing of infection. Surg Gynecol Obstet 1929; 49:737-751), welcher 1929 die Gleiträume des Fußes durch Injektion von Gelatine oder Paraffin identifizierte. Auf diesem Weg sollten mögliche Infektionsräume des Fußes aufgezeigt werden. Kamel und Sakla 22 identifizierten in ihrer Arbeit von 1961 drei verschiedene Kompartimente, wobei das letzte noch in drei Subkompartimente unterteilt wurde, eine oberflächliche, eine mittlere und eine tiefe Schicht. Die tiefe Schicht wurde auch als Interosseuskompartiment bezeichnet. Im Weiteren war sich zunächst die Literatur uneinig, ob das Interosseuskompartiment nun als eigenes Kompartiment zu gelten hat oder nicht. 1990 veröffentlichten Manoli und Weber ihre Arbeit 1 zu den anatomischen Kompartimenten des Fußes. Anhand einer Kadaveruntersuchung und Gelatineinjektionen mit anschließenden kryokonservierten Schnitten konnten die Autoren neun Kompartimente identifizieren, ein mediales, ein laterales, ein oberflächliches, ein Adduktor- und ein Calcaneuskompartiment sowie vier Interosseuslogen. Dennoch findet sich noch keine anatomische Einigkeit. Seidel wiederum beschreibt 2001 nur 5 Kompartimente (Seidel U: Topographische Anatomie des Fußkompartiments und der Bedeutung für das Kompartmentsyndrom des Fußes, Dissertation 2001)(siehe Tabelle 1). Während die in der Tabelle 1 dargestellten anatomischen Kompartimente zwar differenzieren, so setzte sich für den klinischen Gebrauch jedoch die Arbeit von Manoli und Weber 1 durch und wird im Weiteren auch hier Berücksichtigung finden. Anatomisch besonders hervorzuheben ist das Calcaneus-Kompartiment, welches im Rückfuß liegt und den M. quadratus plantae enthält und einen isolierten operativen Zugang fordert.

Tab. 1: Anatomie der Fußkompartimente (modifiziert nach Klaß: Das Fußkompartmentsyndrom – eine experimentelle Studie, Diss Univ.Bochum 2002), S.25)
Literatur Kamel und Sakla 22 Manoli und Weber 1 Seidel
Jahr 1961 1990 2001
Anzahl der Kompartimente 3 + 3 Subkompartimente 9 5
Einzelne Kompartimente und zugehörige Muskeln mediales Komp.:
M. abductor hallucis
mediales Komp.:
M. abductor hallucis
M. flexor hallucis brevis
mediales Komp.:
M. abductor hallucis
laterales Komp.:
M. abductor digiti minimi
M. flexor digiti minimi brevis
laterales Komp.:
M. abductor digiti minimi
M. flexor digiti minimi
laterales Komp.:
M. abductor digiti minimi
M. flexor digiti minimi
intermediäres Komp.:
oberflächliche Schicht:
M. flexor digitorum brevis
M. flexor digitorum longus
Mm. lumbricales
oberflächliches Komp.:
M. flexor digitorum longus
Mm. lumbricales (Sehnen)
M. flexor digitorum brevis
oberflächlich zentrales Komp.:
M. flexor digitorum brevis
M. flexor digitorum longus (Sehne)
Mm. lumbricales (Sehnen)
mittlere Schicht:
M. flexor hallucis brevis
M. flexor hallucis longus
M. adductor hallucis
Adduktorenkomp.:
M. adductor hallucis
 
  Calcaneuskomp.:
M. quadratus plantae
tiefes Rückfuß­kompartment:
M. quadratus plantae
M. flexor digitorum longus (Sehne)
M. flexor hallucis longus (Sehne)
tiefe Schicht (=Interosseuskomp.):
Mm. interossei
vier Interosseus­kompartimente:
jeweiliger M. interosseus
tiefes Vorfuß­kompartment:
Mm. interossei
M. adductor hallucis
M. flexor hallucis brevis
Nicht beschriebene Fußmuskeln M. quadratus plantae M. flexor hallucis longus  -----

Diagnostik

Eine frühe Diagnose des Kompartmentsyndroms ist wichtig, da der sofortige Therapiebeginn erfolgen muss. Zur Diagnosestellung dient die klinische Untersuchung und die apparative Diagnostik (intrakompartimentelle Druckmessung). 1948 wurden von Griffiths [Griffiths DL. The management of acute circulatory failure in an injured limb. J Bone Joint Surg [Br] 1948;30:280-298)] die vier „P’s“ als Hauptsymptome beschrieben: Pain, Paresthesia, Paresis und Pain with Stretch (Schmerz, Parästhesie, Paresen sowie Dehnungsschmerz). Ergänzt wurde diese Definition 2005 durch Cascio et al. 23 um zwei weitere „P’s“: Pulse examination und pink skin colour (Pulsstatus sowie Hautrötung). Patienten mit bestimmten Verletzungsmustern haben ein hohes Risiko zur Entwicklung eines Kompartmentsyndroms. Hier stehen vor allem Chopart- und Lisfranc-Gelenkluxationen im Vordergrund. In einer Untersuchung an mehr als 100 Patienten mit Fußkompartmentsyndrom zeigten 25 % der Fälle eine Chopart-Luxation, 34 % der Fälle eine Lisfranc-Luxation) 11. Von den sogenannten sechs „P’s“ erwies sich der Parameter Schmerz als frühestes Symptom und höchst sensitives klinisches Zeichen eines manifesten Kompartmentsyndroms 24. Eine Spezifität lässt sich für den Faktor „Schmerz“ allerdings nicht nachweisen, da selbstverständlich auch andere, z.B. knöcherne Begleitverletzungen diesen ebenfalls auslösen 4. Im Gegensatz zu Patienten mit anderen Verletzungen wird allerdings der Schmerz durch Immobilisierung beim Kompartmentpatienten nicht geringer. Ein sensorisches Defizit ist ebenfalls häufig vorhanden 24. Zusätzlich tritt ggf. auch eine motorische Muskelschwäche, eine leichte Rötung und Überwärmung, ein palpatorischer Druckschmerz sowie ggf. eine motorische Muskelschwäche auf.

Apparative Diagnostik

Während mehrere apparative Diagnostika zur Verfügung stehen, hat sich die intrakompartimentelle Druckmesstechnik als Goldstandard etabliert. Prinzipiell ergibt sich zwar die Möglichkeit der Elektrostimulation zur Unterscheidungsmöglichkeit zwischen ischämiebedingter Parese und Nervenläsion, die Methode ist allerdings klinisch in der Akutphase ungeeignet 4]. Die Arteriographie und Phlebographie spielt eher bei der Diagnostik des chronischen Kompartmentsyndroms eine Rolle. Die intrakompartimentelle Messtechnik geht zurück auf die Arbeit von Whitesides et al. 6 zurück: Eine Punktionskanüle liegt in dem zu messenden Kompartiment. Es wird über eine luftgefüllte Spritze Druck aufgebaut, der über einen Dreiwegearm zum einen zu einem Manometer führt und zum anderen zu einer Flüssigkeitssäule in der Punktionskanüle. Der Druck, der nun aufgebaut werden muss, um die Flüssigkeit in Richtung Kompartment zu bewegen, kann auf der anderen Seite auf dem Manometer abgelesen werden und zeigt den betreffenen Logendruck an. Weitere Messsysteme wurden entwickelt, das derzeit am weitesten verbreitete System ist die Technik nach Awbrey 25.
Es handelt sich hierbei um eine seitlich perforierte Kanüle, die an einen kleinen Druckmonitor der Firm Stryker® angeschlossen wird. Die Injektionskanüle ist mit einer Spritze mit einem speziellen Druckwandler verbunden und wird mit Kochsalz aufgefüllt. Das Ergebnis des Druckes wird nach Nullabgleich auf dem Display des Druckmonitors angezeigt. Bei der Methode handelt es sich um ein klinisch einfaches Verfahren, welches ebenfalls mittels Split-Lip-Katheter ausgestattet werden kann, um kontinuierliche Messungen durchzuführen, wie z. B. beim intensivpflichtigen Patienten oder beim funktionellen Kompartmentsyndrom. Neuere Messverfahren beinhalten die Verwendung von Hirndrucksonden 26 bzw. mit piezoelektrischen Sonden [Gerngroß H: Kompartmentdruckmessung: Ein neues, rationelles Verfahren mit dem MCDM-I. Wehrmed Monatsschr 1992; 1:8-11].

In ihrer Metanalyse beschreiben Ojike et al. 2, dass in 64 % der analysierten Studien die reine Kompartmentdruckmessung zur Operationsindikation führte, in 31 % die Kompartmentdruckmessung in Verbindung mit der klinischen Diagnose und nur in 5 % die reine klinische Diagnose.

Druckmesspunkte und Druckwerte

Der normale Kompartmentdruck wird von Botte et al. 27 mit Werten unter 8 mmHg angegeben. Als Operationsindikation wird entweder ein erhöhter Absolutwert oder ein erhöhter Absolutwert im Verhältnis zum Blutdruck oder zum arteriellen Mitteldruck favorisiert. Willy et al. 28 geben als Absolutwert die Grenze eines Kompartmentdruckwertes > 30 mmHg vor, Frink et al.4 einen Kompartmentdruckwert > 40 mmHg. Als anderer Grenzwert kann der Kompartmentdruck im Verhältnis zum diastolischen Blutdruck herangezogen werden, d. h. diastolischer Blutdruck minus subfascialer Druck < 20 mmHg 3452967. Als weiterer Grenzwert kann der Kompartmentdruck im Verhältnis zum mittleren arteriellen Druck herangezogen werden, hier gelten 30 mmHg als Schwellenwert 3.

Messpunkte

Ausgehend von der anatomischen Definition von neun Kompartimenten durch Manoli et al. 1 müssen auch alle diese Kompartimente gemessen werden 1. Hierbei ist zu beachten, dass meistens das calcaneare Kompartiment die höchsten Druckwerte aufweist 15 und damit durchaus als Indikator zu sehen sind. Der Messpunkt für das mediale Kompartiment liegt 4 cm unterhalb des Innenknöchels (Abb. 1) 7. Für die Messung des calcanearen Kompartments empfiehlt es sich dann, die Nadel weitervorzuschieben. Das superficiale Kompartment wird weiter ventro-plantar gemessen, penetrierend durch den Musculus flexor digitorum brevis (siehe Abb. 2). Der Messpunkt des lateralen Kompartments liegt unterhalb des Metatarsale V (siehe Abb 3), die interossären Kompartimente werden von dorsal gemessen. Hierbei gilt es, jedes interossäre Kompartiment einzeln zu messen. Die tiefe Penetration durch ein Interosseuskompartiment führt und führt dann zum Adduktorkompartment. Ojike et al. 2 geben einen Algorithmus zur Diagnose des Fußkompartmentsyndroms vor (siehe Abb 5).

Wichtige Differentialdiagnosen müssen in die Diagnosestellung einbezogen werden. Als wesentliche Differentialdiagnosen gelten (Tab. 2):

Tab. 2: Differentialdiagnosen des Fußkompartmentsyndroms
Differentialdiagnosen des FußKompartmentsyndroms
Nervenläsion
Gefäßverletzung
Weichteilinfektion
Claudicatio intermittens
Phlebothrombose/ Thrombophlebitis
Stressfrakturen
Tenosynovitis
Ergotismus

Diagnose des funktionellen Kompartmentsyndroms

Während das akute Kompartentsyndrom meist einfach zu diagnostizieren ist, stellt das funktionelle Kompartmentsyndrom des Fußes den Kliniker immer wieder vor eine diagnostische Herausforderung. Da das funktionelle Kompartmentsyndrom nur während spezifischer Belastungen, in der Regel sportartspezifischen Belastungen, auftritt (z. B. Laufsport, Tanzen, Biathlon), muss auch während genau dieser sportartspezifischen Belastung eine Kompartmentdruckmessung erfolgen. Hierzu erfolgt die Positionierung eines Split-Lip-Katheters für die Stryker-Messeinheit unter Lokalanästhesie unter aseptischen Kautelen, (Abb. 6,7). Gefolgt von einer Ruhemessung erfolgt dann die sportartspezifische Belastung (z. B. auf dem Laufband) bis zur eindeutigen Symptomatik des Patienten und dann die Messung direkt bei Belastungsabbruch sowie in der Erholungsphase (Abb. 8).

Algorithmus zum funktionellen Kompartmentsyndrom des Unterarmes (CECS) welcher analog zur Diagnostik zum Fuß herangezogen werden kann <a class=13." srcset="/assets/images/x/abb9-ewbrfm0fdv9jmyg.gif 1x, /assets/images/4/abb9-w6eszr4krfy6bex.gif 1.5x, /assets/images/k/abb9-4egd8q2jh85p0vf.gif 2x" width="270" height="240" loading="lazy">
Abbildung 9

Genaue Grenzwerte für das funktionelle Kompartment­syndrom des Fußes sind nicht beschrieben, da im Wesentlichen nur Kasuistiken beschrieben sind. In der Literatur beschrieben sind Werte bis zu 56 mmHg 3018192021. Manoli et al. 129 empfehlen einen Grenzwert von 30 mmHg als OP-Indikation. Da experimentelle Studien fehlen, empfehlen Fulkerson et al. 7 die Anlehnung an die Empfehlung zum Unterarm. Hier haben Schöffl et al. folgenden Algorithmus innerhalb einer Arbeit an gesunden Probanden erarbeitet, der beim funktionellen Kompartmentsyndrom des Fußes ebenfalls Verwendung finden kann (Abb.9).

Therapie

Zur Einleitung der Therapie gilt als wichtigste Sofortmaßnahme die Öffnung aller konstringierender Verbände sowie die komplette Spaltung von Gipsverbänden. Die Extremität sollte flach bzw. bis maximal 10 % über Herzniveau gelagert werden, da extreme Hochlagerung die arteriovenöse Druckdifferenz vermindert, was eine Minderperfusion des betroffenen Gebietes zur Folge hat und somit die Mikrozirkulation weiter verschlechtert [Echtermeyer V. Das Kompartmentsyndrom: Diagnostik und Therapie. Springer Verlag 1982;85:144-152]. Eine zusätzliche Volumensubstitution verbessert den systemischen Blutdruck und damit auch die Perfusion in der entsprechenden Muskelloge, eine medikamentöse Therapie ist erfolglos. Bei manifestem Kompartmentsyndrom ist die einzige effiziente Therapie die Chirurgische. Es erfolgt die Dermatofasziotomie, dass heißt die Hauteröffnung in gleicher Ausdehnung wie die Faszienspaltung. Nach der Faszienspaltung erfolgt in der Regel kein primärer Wundverschluss. Mehrere Zugänge sind beschrieben, in der Regel werden die Faszien über mindestens zwei Zugänge eröffnet 214151617. In 35 % der Fälle lässt sich eine Sekundärnaht durchführen, in 65 % der Fälle muss der endgültige Hautverschluss über ein Hauttransplantat (Mesh graft) 2 erfolgen. Ein primärer Hautverschluss verbietet sich, da er zu einem Rebound-Kompartmentsyndrom führen kann. Zur weiteren Reduktion des Ödems kann nach der Kompartmentspaltung ein VAC-Verband (Vakuumversiegelung, vacuum assisted closure therapy) angelegt werden, wobei hier darauf zu achten ist, dass die Folie nicht zirkulär geklebt werden sollte, um eine weitere Konstringenz zu vermeiden. Mehrere operative Zugangswege sind beschrieben.

Operative Zugangswege

Folgende operative Zugänge stehen zur Verfügung:

  • Plantarer Zugang
  • Dorsaler Zugang (Mubarak und Owen, 31
  • Medial plantarer Zugang (Manoli et al. 1990, 1
  • Lateraler Zugang (Echtermeyer 1982) [Echtermeyer V. Das Kompartmentsyndrom: Diagnostik und Therapie. Springer Verlag 1982;85:144-152].
  • Plantarer Zugang

Im Falle eines isolierten Kompartmentsyndroms des calcanearen Kompartments kann ein singulärer plantarer Zugang gewählt werden, wenngleich dieser nicht als Standard zu sehen ist. Der Zugang beginnt mit einer Inzision über dem 1. Metatarsaleknochen. Nach Retraktion des Abductor hallucis Muskels können die anderen Kompartimente erreicht werden.

Dorsaler Zugang

Der dorsale Zugang als Doppelzugang (n.Frink et al. <a class=4)" srcset="/assets/images/h/abb10-j37kgy17wcaab9q.jpg 1x, /assets/images/c/abb10-fs6g7vk75tmgkx0.jpg 1.5x, /assets/images/d/abb10-yg63stpref96wtf.jpg 2x" width="270" height="240" loading="lazy">
Abbildung 10

Mubarak et al. 31 beschrieben, basierend auf der Theorie, dass die Interosseuskompartimente die am häufigsten betroffenen Kompartimente sind, einen dorsalen Zugang. Heutzutage wird der dorsale Zugang in Form von zwei dorsalen Zugängen verwendet 5.Dieser Doppelzugang erlaubt guten Zugang zu allen Kompartimenten und ebenfalls auch eine offene Reposition und Fixation von Chopart- oder Lisfranc-Frakturen. Das Calcaneuskompartment kann allerdings hier nicht versorgt werden und fordert einen zusätzlichen Zugang. Es wird empfohlen, die mediale Inzision medial des 2. Metatarsale durchzuführen und die laterale Inzision lateral des 4. Metatarsale 4, um das Risiko einer Hautbrückennekrose klein zu halten (Abb. 10).

Medial plantarer Zugang

Der medial plantare Zugang gilt als additiver Zugang zum dorsalen Zugang zur Dekompression des calcanearen Kompartments und kann ggf. auch als singulärer Zugang gewählt werden. Die mediale Inzision beginnt am Ursprung des Musculus abductor hallucis und wird, über 6 cm parallel zur Plantarfläche fortgesetzt 1. Nach Hautinzision zeigt sich die Faszie des Musculus abductor hallucis und wird eröffnet. Nach Entlastung des medialen Kompartments wird der Musculus hallucis nach oben retrahiert und es zeigt sich die weiße Faszie als Trennschicht zum calcanearen Kompartment, welche längseröffnet wird. Im Weiteren können dann die weiteren Kompartimente entlastet werden (Abb.11,12).

Lateraler Zugang

Der laterale Zugang wurde von Echtermeyer 1982 [Echtermeyer V, Muhr G, Oestern HJ, Tscherne H. Surgical Treatment of compartmental syndromes, Unfallheilkunde 1982; 85: 144-152] beschrieben. Dieser Zugang gilt heute allerdings als unüblich, die Hautinzision beginnt am lateralen Malleolus und setzt sich zum Vorfuß zum MTT 4/5-Köpfchen fort.

Therapie des funktionellen Kompartmentsyndroms

Für das funktionelle Kompartmensyndrom gilt als allgemein-therapeutischer Grundsatz so konservativ als möglich. Oft spricht das funktionelle Kompartmentsyndrom gut auf eine konservative Therapie im Sinne von Pausierung der auslösenden Belastung und Trainieren anderer Sportarten an, unterstützt durch physikalische Maßnahmen (Kühlung, Elektrotherapie, Massagen, Querfriktion, Krankengymnastik und Muskelaufbautraining), ggf. auch orale und lokale antiphlogistische Therapie. Des Weiteren werden funktionelle Stützverbände, Einlagen, Schuhzurichtungen sowie vor allem eine Ursachenbehandlung empfohlen. Eine wesentliche Ursache für Kompartmentsyndrome der Unterschenkel und Füße sind funktionelle Dysbalancen, welche sich nur in einer videooptischen Laufbandanalyse darstellen lassen. Wir führen diese routinemäßig parallel zur Kompartmentdruckmessung unter Belastung durch, um hier die Therapie anzuleiten bzw. ein entsprechendes Ausgleichstraining zu steuern. Als Ultima ratio bleibt beim funktionellen Kompartmentsyndrom nur die halboffene Fasziotomie des entsprechenden Kompartments bestehen.

Komplikationen

Als mögliche Komplikationen werden in der Metaanalyse von Ojike et al. 2 neurologische Ausfälle (52 % der Fälle), Krallenzehen (12 % der Fälle), Amputationen (12 % der Fälle), tiefergehende Hautdefekte (12 % der Fälle) sowie Muskelnekrosen (6 % der Fälle) und Varus- bzw. Valgusdeformitäten beschrieben.

Outcome

Die meisten Arbeiten der Literatur zum Kompartmentsyndrom des Fußes sind Case-Reports. Somit ist das Outcome nur bedingt evaluiert. Als einzige Metaanalyse beschreiben Ottilie et al. 2 das Outcome von vier Studien 17141516. Von diesen Patienten erlangten 10 % wieder die Arbeitsfähigkeit, 13 % konnten mit Schuhwerk gehen, 39 % konnten im Schuhwerk mit leichter Einschränkung gehen, 5 % benötigen eine sekundäre Arthrodese. Keine Angaben fanden sich in 33 % der Fälle. Die Evidenz der Literatur hierzu ist schwach, da es sich nur um kleine Studien handelt. Abschließend ist das Fußkompartmentsyndrom sicherlich als schwere Komplikation zu sehen und wird meistens mit entsprechender Dauerschädigung ausheilen. Das Ziel sollte sicherlich dennoch die Arbeitsfähigkeit und Möglichkeit einer Gangfunktion im normalen Schuhwerk sein.

Perspektiven

Perspektivisch wäre eine Erweiterung der Diagnostik ohne invasive Maßnahmen wünschenswert, da die derzeit verwendeten invasiven Sonden und Druckmessung doch einerseits schmerzhaft sind und andererseits ein Infektionsrisiko bergen. Weitere Arbeit sollte verwendet werden, um hier leichtere nicht-invasive apparative diagnostische Verfahren zu entwickeln.

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